1926 veröffentlichte der Schriftsteller Joseph Roth in der Frankfurter Zeitung[1] eine Reportage über das Ruhrgebiet. Ihre Überschrift lautete „Der Rauch verbindet die Städte“ und sie gibt wohl wieder, wie die meisten Besucher das Ruhrgebiet bis in die 60er und 70er Jahre wahrnahmen, wenn sie es besuchten:

Roth beschreibt das Ruhrgebiet als eine Masse an Städten, verbunden durch die Arbeit, die Industrie, den Rauch:

„Hier ist der Rauch ein Himmel. Alle Städte verbindet er. Er wölbt sich in einer grauen Kuppel über dem Land, das ihn selbst geboren hat und fortwährend neu gebärt. Wind, der ihn zerstreuen könnte, wird vom Rauch erstickt und begraben. Sonne, die ihn durchbohren möchte, wehrt er ab und hüllt sie in dichte Schwaden. Als wäre er nicht erdgezeugt und sein Wesen nicht vergänglich, erhebt er sich, erobert himmlische Regionen, wird konstant, bildet aus Nichts eine Substanz, ballt sich aus Schatten zum Körper und vergrößert unaufhörlich sein spezifisches Gewicht. Aus ungeheuren Schornsteinen zieht er neue Nahrung heran. Sie dampft zu ihm empor. Er ist Opfer, Gott und Priester. Milliarden kleiner Stäubchen atmet er wieder aus, er, ein Atem. Indem man ihn erzeugt, betet man ihn an. Man erzeugt ihn mit einem Fleiß, der mehr ist als Andacht. Man ist von ihm erfüllt. Erfüllt ist von ihm die ganze große Stadt, die alle Städte des Ruhrgebiets zusammen bilden. Eine unheimliche Stadt aus kleinen und größeren Gruppen, durch Schienen, Drähte, Interessen verbunden und vom Rauch umwölbt, abgeschlossen von dem übrigen Land“

Willy Brandt´s Vision: Blauer Himmel über der Ruhr

Das änderte sich alles erst, als die Schwerindustrie an Bedeutung verlor, und der Himmel über der Ruhr, wie von Willy Brandt gefordert, wieder weniger grau wurde. Er wurde tatsächlich blauer – auch wenn und die Arbeitslosigkeit stieg. Neben Fabrikschließungen sorgten allerdings auch Umweltmaßnahmen wie die Rauchgasentschwefelung dafür, dass kein Dreck mehr aus den Schloten kam.

Doch Roth beschrieb auch ein weiteres Phänomen, das für das Ruhrgebiet typisch ist:

„Wäre es eine einzige, große, grausame Stadt, sie wäre immer noch phantastisch, aber nicht drohend gespenstisch. Eine große Stadt hat Zentren, Straßenzüge, verbunden durch den Sinn einer Anlage, sie hat Geschichte, und ihre nachkontrollierbare Entwicklung ist beruhigend. Sie hat eine Peripherie, eine ganz entschiedene Grenze, sie hört irgendwo auf und läuft in Land über. Hier aber ist ein Dutzend Anfänge, hier ist ein Dutzendmal Ende. Land will beginnen, armseliges, rauchgeschwängertes Land, aber schon läuft ein Draht herbei und dementiert es. Große Fabrikwürfel aus Ziegelstein rücken unversehens heran, stehen da, fester gegründet als Berge, Hügel, naturnotwendiger als Wälder. Jede kleine Stadt hat ihren Mittelpunkt, ihre Peripherie, ihre Entwicklung. Da sie aber alle vom Rauch zu einer einzigen Stadt vereinigt werden sollen, verliert ihre natürliche Anlage und ihre Geschichte an Glaubwürdigkeit, jedenfalls an Zweckmäßigkeit. Wozu? Wozu? Wozu hier Essen, da Duisburg, Hamborn, Oberhausen, Mülheim, Bottrop, Elberfeld, Barmen? Wozu so viele Namen, so viele Bürgermeister, so viele Magistratsbeamte für eine einzige Stadt? Zum Überfluss läuft noch in der Mitte eine Landesgrenze. Die Bewohner bilden sich ein, rechts Westfalen, links Rheinländer zu sein. Was aber sind sie? Bewohner des Rauchlands, der großen Rauchstadt, Gläubige des Rauchs, Arbeiter des Rauchs, Kinder des Rauchs.“

Auch wenn der damalige FAZ-Redakteur 2010 zu Recht schon im Titel seines damals erschienen Buches feststellte „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr“[2] ist das Kirchturmdenken ebenso geblieben wie die Frage “Wozu so viele Namen, so viele Bürgermeister, so viele Magistratsbeamte für eine einzige Stadt?“ bis heute unbeantwortet ist.

Der Dreck ist weg, die Kirchtürme sind geblieben.

Neu hinzugekommen ist das Image des Armenhauses. Als Roth das Ruhrgebiet in den 20er Jahren bereiste, war es hässlich, laut und schmutzig. Aber arm war es nicht. Es war das größte Industriezentrum Europas. Namen wie Thyssen, Krupp und Hoesch standen noch nicht für Krise, sondern für Hightech – und die Kohle war noch unangefochten die wichtigste Energiequelle. Man konnte im Ruhrgebiet nicht schön leben, aber man konnte besser verdienen.

Schöne Doku bei Phönix:


Heute sind viele, die das Ruhrgebiet besuchen, überrascht, wie grün es hier ist. Viele halten es auch noch für ein Industriegebiet und sich deshalb verwundert. Aber grün ist es, weil es kein Industriegebiet mehr ist. Im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands, in denen die Industrie sauberer geworden ist, ist sie im Ruhrgebiet fast verschwunden. Das Revier ist der am wenigsten industrialisierte Teil Nordrhein-Westfalen. Und es ist auch der ärmste Teil des Landes.

Was Besuchern auffällt, was sie einem aber oft erst nach ein paar Bieren später am Abend sagen ist, dass die Autos hier älter sind als in Frankfurt, Stuttgart oder München. Dass die Menschen nicht so gut gekleidet sind wie in Düsseldorf oder Hamburg. Dass die Häuser oft nicht renoviert sind, die öffentlichen Grünanlagen nicht so gepflegt wie in anderen, dass es hier einfach sichtbar ärmer ist als anderswo.

Arm, aber leider nicht sexy😊

Arm, etwas heruntergekommen aber grün – das ist das Image des Ruhrgebiets. Wer sich näher mit dem Revier beschäftigt, was wenige tun, wundert sich über die Vielzahl der Städte, die man ohnehin kaum auseinanderhalten kann und dass es ein knappes Dutzend Nahverkehrsunternehmen auf so engem Raum gibt. Im Allgemeinen gilt Beides als Beleg vollkommener Unfähigkeit. Das Bild des Ruhrgebiets entspricht nicht dem, was sich Werber und Politiker wünschen. Während er Kulturhauptstadt hielten ein paar Kulturinteressierte, tatsächlich sind das in Deutschland, Europa und in der Welt nicht allzu viele, das Ruhrgebiet für eine spannende Kulturregion im Aufbruch. Doch nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010 passierte nicht mehr viel Aufregendes. Als die FAZ im Oktober 2019 darüber berichtete, dass sich acht deutsche Städte darum bewerben, im Jahr 2025 europäische Kulturhauptstadt zu werden, wurde das Ruhrgebiet übersehen:„Im Herbst 2020 empfiehlt eine Jury eine der Kandidatenstädte für die Ernennung zur deutschen Kulturhauptstadt Europas. 1999 trug mit Weimar bereits eine deutsche Stadt den Titel Kulturhauptstadt. In diesem Jahr sind es das italienische Matera und das bulgarische Plovdiv.“[1]

Was können wir tun, damit sich das Bild des Ruhrgebiets ändert? Das ist nur eine Frage, eine wichtige, aber nicht die wichtigste. Die Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen lautet: Wie sieht das Ruhrgebiet aus, in dem wir leben wollen? Wenn wir das wissen und auf dem Weg sind, unsere Ideen umzusetzen, können wir uns überlegen, wie wir das den Menschen erzählen. Und was wir uns davon versprechen, dass wir es tun.

[1] „Der Rauch verbinde die Städte“, Joseph Roth, Frankfurter Zeitung 1926

[2] „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr“ Andreas Rossmann, Köln, 2012


[1] „Diese acht deutschen Städte wollen Kulturhauptstadt Europas werden“, FAZ, 1.10.2019