Teil1: Das Ruhrgebiet hat Probleme und Chancen. Wenn wir alle ganz ehrlich sind, bestimmen die Probleme nicht nur das Bild, sondern auch das Leben im Ruhrgebiet. Dem Revier gelang es während des langen Booms auf dem Arbeitsmarkt nicht, den Abstand zu anderen Regionen zu verringern. Zwar nahm auch bei uns die Arbeitslosigkeit ab und es entstanden viele, neuen Stellen, aber in allen anderen Großstadtregionen Deutschlands war das Wachstum größer, gab es mehr neue Jobs und nahm die Arbeitslosigkeit stärker ab. Nach der längsten Wachstumsperiode seit den 70er Jahren steht das Ruhrgebiet im Verhältnis zum Rheinland, zu Hamburg, Frankfurt, München und zu Berlin also schlechter da als vorher. Die Coronakrise macht die Probleme noch deutlicher. Experten sind sich sicher, dass die etablierten Industriestandorte, die schon vor der Corona-Krise gut dastanden, auch jetzt die besseren Chancen haben, die Probleme in den Griff zu bekommen.

Für das Ruhrgebiet wird es auch schwer, weil es nicht mehr auf die Hilfe der anderen setzen kann. Alle Städte und Länder kämpfen in erster Linie für sich – schon wieder dem Ruhrgebiet unter die Arme greifen zu müssen, das wird sich politisch bei den Menschen in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg kaum durchsetzen lassen. Wir werden uns viel Mühe geben müssen und ich habe mir dazu Gedanken gemacht. Das Ruhrgebiet ist meine Heimat, ich möchte zumindest mit Ideen helfen und die Debatte über seine Zukunft mitgestalten.

Revier-Panorama Foto: Björn S… Lizenz: CC BY-SA 2.0



Das Scheitern des Regionalplans im vergangenen Jahr wird dafür sorgen, dass viele Projekte im Ruhrgebiet darauf warten müssen, umgesetzt zu werden. Das Ruhrgebiet braucht Tempo – und es steht selbst auf der Bremse, denn im Regionalverband Ruhr, der für den Regionalplan zuständig ist, entscheiden unsere Politiker und dort arbeiten unsere Beamten und Angestellten. Wir können uns bei niemanden beklagen.


Und dann sind da noch die viele Studien und Rankings , in denen auch das Ruhrgebiet erwähnt wird. Sie geben, auch wenn man Einzelheiten kritisieren und hinterfragen kann, insgesamt ein realistisches Bild des Potts wieder: Die Städte sind überschuldet und arm, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Forschungsleistung im Vergleich niedrig, das Bildungsniveau ist
es auch. Die Zuzüge der vergangenen Jahre haben die Situation noch verschärft. Auch in
dieser Frage müssen wir uns ehrlich machen.

Halde Rheinelbe 360° Panorama Foto: DerMische Lizenz: CC BY-SA 4.0

Egal wie viel Geld das Ruhrgebiet für Werbe- und Imagekampagnen ausgibt – gegen die Menge der schlechten Nachrichten kann es nicht ankommen. Ich bin Kommunikationsexperte – ich weiß, was Kommunikation leisten kann und was nicht. Sie kann Neugier wecken, sie kann Fakten so vermitteln, dass Menschen bereits sind, ihre Vorurteile zu überdenken und sie kann Sympathien wecken. Was sie nicht kann ist, eine andere Realität zu schaffen. Lügen hat mit guter, verantwortlicher Kommunikation nichts zu tun. Lügt man, ist der Schaden schnell groß. Wer so tut, als ob das Ruhrgebiet eine pulsierende Metropole ist, die München hinter sich lässt, weiß, dass eine solche Behauptung nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Und jedem, der ins Ruhrgebiet kommt, wird das nach spätestens einer Minute auch klar sein. Kommunikation muss ehrlich sein – nach Innen und nach Aussen. Deswegen hat dieses Buch zwei Teile. Im ersten Teil werfe ich einen Blick auf die Kommunikation des Ruhrgebiets, auf mutige, gelungene Kampagnen und auf Revier-Werbung, die es nicht geschafft hat, unsere Heimat nach vorne zu bringen. Und ich werde vorschlagen, in welche Richtung man in Zukunft gehen muss, wenn wir im Wettbewerb mit anderen Regionen erfolgreich sein wollen.

Aber Kommunikation ist nicht alles. Sie muss von der Wirklichkeit ausgehen. Und die ist in den meisten Teilen Ruhrgebiets trist. Deswegen habe ich mir auch Gedanken dazu gemacht, was sich im Ruhrgebiet ändern muss, damit das Revier eine Chance hat, wieder nach vorne zu kommen. Meine Vorschläge, und nichts anderes als Vorschläge, die ich zur Diskussion
stellen möchte, bilden den zweiten Teil. Inhalt und Verpackung – beides muss stimmen. Das es heute nicht so ist, bedeutet nicht, dass es in Zukunft besser werden kann. Der miesepetrigen These, das Ruhrgebiet habe es „versemmelt“ – stelle ich ein trotziges „Jetzt erst recht entgegen.“