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Welt am Sonntag stellt Element Eins der Thyssengas vor

Zwei NRW-Unternehmen planen Pilotanlagen, um Windstrom in Wasserstoff und Methangas umzuwandeln und zu speichern. Großer Vorteil dieses Prinzips:

Bestehende Leitungen können genutzt werden, um andere Regionen mit Strom zu  versorgen, In der vergangenen Woche war Thomas Gößmann viel auf der E-World in Essen, der Leitmesse der Energiewirtschaft, unterwegs. Am Stand von Thyssengas kümmerte sich Geschäftsführer Gößmann um Kunden und neue Projekte. Derzeit treibt den Wirtschaftsingenieur aber vor allem ein Vorhaben um, das künftig einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten könnte: Der in Dortmund (https://www.welt.de/themen/dortmund/) ansässige Betreiber von Erdgasleitungen (https://www.welt.de/regionales/nrw/article188479589/Zwei-NRW-Unternehmen-planen-Power-to-Gas-Pilotanlagen möchte als erster eine Anlage bauen, die im großen Stil Strom aus Windenergie in Wasserstoff umwandelt. Dieser in einem industriellen Elektroliseur erzeugte Stoff könnte dann zunächst als grüner Wasserstoff in der Chemieindustrie oder in Raffinerien verwendet oder auch in den Wärmemarkt als Beimischung eingefügt werden. Später könnten Wasserstoff und zusätzlich erzeugtes Methangas mithilfe von Brennstoffzellen sehr effizient in Strom und Wärme zurückverwandelt werden. Neben der Dortmunder Thyssengas verfolgt auch der Essener Gasleitungsbetreiber Open Grid Europe (OGE) – früher E.on Ruhrgas – und dessen Partner Amprion ein entsprechendes Projekt. Beide Konsortien möchten jeweils für mehr als 100 Millionen Euro eine industrielle Großanlage nach dem Power-to-Gas-Prinzip entwickeln. Damit ist gemeint, dass Strom mithilfe chemischer Prozesse in Wasserstoff und Methangas umgewandelt wird. Diese Stoffe könnten über bestehende Leitungen der Projektentwickler auch ins Ruhrgebiet und weitere Regionen von NRW transportiert werden und der Energiewende mit zum Durchbruch verhelfen.

Förderung zur Umsetzung notwendig

Dass auch die Politik große Hoffnungen auf die Projekte setzt, wurde am Rande der EWorld deutlich. Es sei eine Mammutaufgabe für Deutschland, in den kommenden 20 Jahren aus 50 Prozent der bisherigen Energieversorgung auszusteigen, sagte Thomas Bareiß, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, bei einem Besuch in Essen . Als Kernland der Energiewende müsse Deutschland auch Technologien anbieten, um die Energieprobleme Europas und der Welt

zu lösen. „Wir brauchen dazu das ganz, ganz breite Spiel aller Energieträger“, sagte der CDU-Energieexperte. Alle Technologie müssten vorangetrieben werden, dann werde man entscheiden. „Wir brauchen auch Energiespeicher in allen Varianten“, so Bareiß. Dabei spiele auch Power to Gas und aktuelle Vorhaben eine große Rolle, sagte Bareiß. Und berichtete, dass die Bundesregierung in den kommenden vier Jahren an die 400 Millionen Euro für sogenannte Reallabore bereitstellen wolle, in denen solche Technologien im großen Stil getestet werden könnten. Auf eine Anschubfinanzierung aus diesen Fördertöpfen hoffen auch die beiden NRWKonsortien. Denn bislang wurde die Technik lediglich in kleineren Anlagen getestet, eine industrielle Megaanlage mit eine Leistung von bis zu 100 Megawatt ist noch Neuland. „Wenn aber die Energiewende nach dem nun beschlossenen Kohleausstieg noch einmal beschleunigt wird, müssen wir auch den Einstieg in eine CO2-neutrale Wasserstoffwirtschaft vorantreiben“, sagte Thomas Gößmann. Der Geschäftsführer, der seinem Projekt den Namen „Element eins“ gegeben hat und für 2022 den Produktionsbeginn plant, hat bereits zwei konkrete Standorte nahe der großen Nordsee-Windparks im Auge. So unterhält sein Partnerunternehmen Tennet Umspannwerke im ostfriesisch-holländischen Grenzgebiet und auch im niedersächsischen Ammerland. Beide Anlagen befinden sich nahe an Erdgaspipelines, sodass eine Einspeisung unproblematisch wäre. Das zweite Konsortium hält sich hingegen noch bedeckt. Als möglicher Standort gilt neben Niedersachsen auch das nördliche Nordrhein- Westfalen. Anfang der Woche ab 11. Februar wollen OEG und Amprion in Berlin dazu eine Pressekonferenz geben.

Beide Projekte setzen vor allem auf die Windkraft, die auch in der Nordsee immer weiter ausgebaut wird. Das Problem dabei: Bei hoher Produktion, die nicht gleich verbraucht wird, kann man diesen Windstrom nicht speichern. Derzeit wird die Überproduktion zu  Strom ohne Abnehmer, für die es dann auch kein Geld gibt. Doch Wasserstoff und im „Projekt Eins“ erzeugtes synthetisches Erdgas lassen sich in großem Stil speichern. Etwa im 4200 Kilometer langen Transportnetz von Thyssengas. Oder auch in unterirdischen Kavernenspeichern, die es zur Vorratshaltung bei Gas schon lange gibt, auch in NRW. In der Nordsee soll die Erzeugungsleistung für Windkraftanlagen in den kommenden zehn Jahren um 23,3 Gigawatt Leistung ausgebaut werden, das entspricht 23 Atomkraftwerken. „Dazu bräuchten wir nach Ansicht der Übertragungsnetzbetreiber mehrere neue sind bislang weder geplant noch dürften sie auf Gegenliebe in der evölkerung stoßen. Derzeit sind zwei Leitungen im Bau, die auch durch NRW führen sollen. Eine davon verläuft westlich von Düsseldorf, wo eine große Umspannstation gebaut werden soll, ein sogenannter Konverter. Doch gegen den gibt es seit Jahren massiven Widerstand sowohl in Meerbusch-Osterath wie auch in Kaarst, wo die riesige Station den Planungen zufolge hin soll.

Leitungen liegen schon

Potenzial haben beide Vorhaben wohl auch deshalb, weil benachbarte Erdgasvorräte vielerorts langsam zur Neige gehen. Auf dem großen holländischen Groningen-Feld, das über Jahrzehnte auch Teile Deutschlands mit Gas versorgt hat, wird bis 2028 die Produktion eingestellt. Die dann nicht mehr für Gas benötigten Leitungen könnten dann für den Transport von reinem Wasserstoff an industrielle Verbraucher, etwa im Ruhrgebiet, genutzt werden.

Reiner Wasserstoff ist auch als Brennstoff für E-Mobile geeignet, die über eine Brennstoffzelle statt einer aufladbaren Batterie verfügen, in wenigen Minuten betankt werden können und keine Reichweitenprobleme haben. Und auch für Lkw könnte Wasserstoff zukünftig ein alternativer Antriebsstoff sein. Doch dazu müsste ein großes Tankstellen-Netz aufgebaut werden.

Bei aller Zukunftsmusik verweist Gößmann darauf, dass man jetzt für die kommenden Jahre und Jahrzehnte planen müsse. Wenn es Förderungen und die notwendigen Genehmigungen durch die Politik gebe, könnte „Element Eins“ ab 2022 zunächst Wasserstoff erzeugen, der mit ins Erdgasnetz eingespeist werden soll. Derzeit darf derWasserstoffanteil im Erdgas maximal zwei Prozent betragen, einer älteren Sicherheitsanforderung für Erdgas-Autos entsprechend. Technisch machbar wären in Teilnetzen aber schon bis zu 30 Prozent, sagte Gößmann, der 15 Prozent Anteil für eine kurzfristig realisierbare Größe hält. Und da es kaum noch Erdgasautos gebe, dürfte die Regeln demnächst auch geändert werden. Dass auch OGE/Amprion eine Power-to-Gas-Großanlage bauen wollen, hält der Chef von Thyssengas für unproblematisch. Für die Energieversorgung der Zukunft brauche man nicht Mega-, sondern Gigawatt an Leistung. „Wir könnten in Deutschland gut drei, fünf oder mehr solcher Reallabore mit unterschiedlicher Ausrichtung und Fahrweise gebrauchen“, sagte Gößmann. Zudem arbeiten die beiden großen Gasnetzbetreiber aus NRW auch schon zusammen. Mit der OEG aus Essen baut die Dortmunder Thyssengas gerade eine Leitung vom Münsterland bis Aachen, um einen Anschluss an die belgischen

Gasleitungen und nach Zeebrugge zu bekommen. So könnte später Flüssiggas aus den USA und von anderswo in die Leitungen gelangen, um Deutschland nicht nur von wenigen Quellen wie etwa Russland abhängig zu machen. Wegen der Energiewende und des eingeleiteten Kohleausstiegs ist Thomas Gößmann nicht bange. Dass Deutschland diese Energiewende auch bewältigen könne, davon sei er überzeugt. „Das werden dieses Land und seine Ingenieure schaffen“, so der an der RWTH Aachen promovierte Ingenieur.

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